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Veranstaltungsrückblick: Überlebende des Holocaust erzählen

15. Mai 2018

Agnes Hirschi, Bronislaw Erlich und Moderatorin Katharina Wälchli

Bild vergrössern Agnes Hirschi, Bronislaw Erlich und Moderatorin Katharina Wälchli

Am Donnerstag, 8. März 2018 ist der grosse Saal auf der Rütti gut besucht. Auf der Bühne sind zwei Holocaust-Überlebende, die aus ihren Erlebnissen erzählen. Im Publikum herrscht eine gespannte Atmosphäre, als Agnes Hirschi zu erzählen beginnt:

Sie ist erst sechs Jahre alt, als die Deutschen 1944 in Budapest einmarschieren. Der Schweizer Vizekonsul in Budapest, Carl Lutz, nimmt das Mädchen und seine Mutter als Hausangestellte in der Residenz auf. Dadurch entgehen sie der Deportation. Immer wieder erklingt der Bombenalarm und ab Weihnachten 1944 fallen die Bomben fast ununterbrochen. Agnes Hirschi muss mit 30 weiteren Menschen zwei Monate im feuchten, ungeheizten Keller leben – wegen des Ölmangels teilweise in absoluter Dunkelheit. Auch das Essen ist knapp. Die ganze Zeit werfen die Flugzeuge Bomben ab, die Residenz brennt vollständig aus. Zu seinem Geburtstag im Januar schenkt Carl Lutz dem Mädchen weisse Schokolade – eine seltene Freude.

Agnes Hirschi betont immer wieder, sie habe grosses Glück gehabt. Hätte ihre Mutter Carl Lutz nicht kennengelernt, hätte er sie nicht in der Residenz aufgenommen, hätte sie den Holo-caust höchstwahrscheinlich nicht überlebt. Dennoch – auch wenn die Erwachsenen versuchen, die Gräuel des Krieges von dem kleinen Mädchen fernzuhalten: Diese Zeit ist prägend. Noch heute hasse sie dunkle Räume und die Knallerei am ersten August.
Carl Lutz und Hirschis Mutter heiraten nach dem Krieg. Agnes Hirschi schliesst die Schule in Bern ab und wird Journalistin. In dieser Funktion berichtet sie wiederholt von Abschlussfeiern auf der Rütti. Dieser Saal sei ihr also bereits bestens bekannt, erzählt sie lachend.


Der zweite Gast an diesem Tag heisst Bronislaw Erlich. Der 16-jährige Lehrling erlebt 1939 in Warschau den deutschen Überfall. 27 Tage ist die Stadt unter dem Beschuss durch Bomben und schwere Artillerie. Eindrücklich beschreibt Bronislaw Erlich seine Erlebnisse in der bren-nenden Stadt: Überall hat es Tote, Verwundete, die Versorgung bricht zusammen, die Menschen hungern, können nicht heizen. Allein nur für ein krankes Kind eine Tasse Tee zu kochen, ist eine fast unlösbare Herausforderung. Als Warschau kapituliert, wird es für die jüdische Bevölkerung in Polen noch schlimmer: Berufsverbote, Enteignungen, Zwangsarbeit. Die Eltern von Bronislaw Erlich beschliessen, die drei selbstständigen Kinder in das sowje-tisch besetzte Ostpolen zu schicken. Diese machen sich auf den Weg – und werden ihre Eltern und jüngeren Geschwister nie wiedersehen. In Wołkowysk muss sich der junge Mann mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, lernt Russisch. Er ist vorläufig gerettet, aber es ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Im Sommer 1941 überfallen die Deutschen die Sowjetunion. In Wołkowysk müssen sich alle Juden in einem Sammellager einfinden. Erlich beschreibt dieses Lager als ein Erdloch, von Stacheldraht umzäunt, mit einem Dach. Die Zustände sind grauen-haft. Erlich kann sich einer Arbeitskolonne anschliessen und es gelingt ihm, zu fliehen. Ein polnischer Anwalt organisiert ihm eine gefälschte Geburtsurkunde, dank der er auf abenteuer-lichen Umwegen nach Deutschland gelangt, wo er als Zwangsarbeiter bei einem Bauern das Kriegsende erlebt. Die mit Herrn Erlich aus Warschau geflüchteten Geschwister überleben den Krieg auch, die Schwester in einem Arbeitslager in Sibirien und der ältere Bruder als Soldat der Sowjetarmee.

Es sind zwei beeindruckende Lebensgeschichten. Sie erzählen aber nicht nur von Leid und Not der Menschen. Sie zeigen auch: In der grössten Katastrophe werden mutige Menschen zur Hoffnung für andere. So der polnische Anwalt, welcher Bronislaw Erlich die gefälschte Geburts-urkunde verschafft hat. Oder Carl Lutz. Der Schweizer Diplomat hat nicht nur Agnes Hirschi und ihre Mutter gerettet. Er hat seine Position ausgenutzt und mehrere zehntausend jüdische Flüchtlinge mit Schutzpässen und Schutzbriefen ausgestattet. Damit hat er sie vor der Deporta-tion und somit vor dem sicheren Tod bewahrt.

Wie gehen die zwei Holocaust-Überlebenden heute mit Deutschen um? Der Hass sei vorbei, sagen beide. So erzählt der 95-jährige Bronislaw Erlich zum Schluss, er habe sich schliesslich in ein deutsches Mädchen verliebt. Und dieses Mädchen sei heute noch seine Frau.

 

Autor: Benjamin Gerber, Lehrer Berufsmaturität INFORAMA Zollikofen

 

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